Pellerhaus am Nürnberger Egidienplatz
Das Pellerhaus am Egidienplatz in der Sebalder Altstadt in Nürnberg gehört zu den ausdrucksvollsten Beispielen bürgerlicher Renaissance-Architektur in Deutschland. Es verbindet eine lange Baugeschichte, schwere Kriegsschäden und ein langes Ringen um Erhalt, Rekonstruktion und sinnvolle Nutzung.
Heute ist das Pellerhaus ein Teil des Museumsverbunds (u. a. „Haus des Spiels“) und ein öffentlich zugänglicher Ort, der historische Substanz und moderne Ergänzungen verbindet.
Lage und Bedeutung
Das Gebäude steht am Egidienplatz 23, östlich der Nürnberger Burg, und ist Teil der historischen Meile der Stadt. Historisch wurde das Pellerhaus als eines der prunkvollsten Bürgerhäuser der Stadtgeschichte angesehen und gilt in der Architekturgeschichte als ein herausragendes Beispiel der deutschen Renaissance-Bürgerhaus-Typologie. Seine ungewöhnlich aufwändige Vorderhausfassade unterschied es schon früh von den in Nürnberg üblichen, eher zurückhaltenden traufständigen Bürgerhäusern.
Eine Informationstafel an der Hausfassade des Pellerhauses informiert die Interessierte mit ein paar wenigen Daten über die Geschichte. Auf der Tafel ist zu lesen: „Hier stand das Pellerhaus – weltberühmtes Renaissancegebäude, errichtet 1602 – 1605 durch Jakob Wolff, zerstört 1945, Wiederaufbau mit Instandsetzung erhaltener historischer Bauteile“. Diese Informationstafel enthält jedoch nur die allerwichtigsten Daten des Hauses, dessen Geschichte weit mehr zu erzählen hat.
Das Pellerhaus entstand um die Zeit gegen Ende 16. bzw. Anfang 17. Jahrhunderts für die Kaufmannsfamilie Peller, die bis heute die Namensgeberin des Gebäudes ist. Typisch war die klassische Nürnberger Gliederung mit Vorderhaus, Innenhof (Arkadenhof) und Hinterhaus. Zugleich zeigte die Straßenfassade Elemente norddeutscher Handelshäuser: Pilaster, damalige Sockelzone, reiches Beschlagwerk und skulpturale Details. Der dreigeschossige Arkadenhof mit seinen Säulen, Balustraden und Rundbögen ist baugeschichtlich besonders wertvoll und hat kunsthistorisch Aufmerksamkeit als „musterhaftes Bürgerhaus“ erfahren.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Nachkriegszeit
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Pellerhaus stark beschädigt und teilte damit das Schicksal zahlreicher Bauten der Nürnberger Innenstadt. Nach Kriegsende blieb vor allem der Renaissance-Innenhof als Ruine oder freistehende Struktur erhalten, während die Straßenfassade und Teile der Substanz verloren gingen. In den 1950er Jahren wurde an Stelle des historischen Vorderhauses ein moderner Ergänzungsbau errichtet. Hierbei handelt es sich um ein sichtbares Beispiel für die in dieser Zeit häufige Mischung aus Wiederaufbau und zeitgenössischer Architektur in Nürnberg.
Seit den 1990er/2000er-Jahren gab es intensiven, teils kontroversen Diskurs über die angemessene Wiederherstellung des Pellerhauses. Bürgerinitiativen (z. B. Altstadtfreunde), Denkmalpfleger und die Stadt verfolgten unterschiedliche Vorstellungen und Ziele. Diese reichten von der vollständigen Rekonstruktion der historischen Straßenfassade bis zum Erhalt der Nachkriegsarchitektur mit ergänzenden Rekonstruktions-Patches. In der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre begann ein koordinierter Wiederaufbau des Innenhofs. Das Konzept der letzten Jahre strebt eine integrative Lösung an, die originale Renaissance-Bausubstanz, rekonstruktive Eingriffe und die Architektur der 1950er/1970er Jahre miteinander verbindet.
Aktueller Zustand und Nutzung
Heute ist der Innenhof des Pellerhauses in Stand gesetzt und Teil des Museumsprojekts „Haus des Spiels“ (Museen der Stadt Nürnberg). Das Konzept verbindet die historische Kulisse mit digital-analogen Vermittlungsformaten zu Spielkultur, Bildungsangeboten und wechselnden Ausstellungen. Gleichzeitig bleibt die Diskussion über die Frage einer vollständigen Rekonstruktion der Straßenfassade und die städtebauliche Einbindung des Neubaus lebendig, sowohl in fachlichen Kreisen als auch in der Bürgerschaft.
Architekturthemen und Denkmalpflege
Das Pellerhaus ist in mehrfacher Hinsicht ein Lehrstück der Denkmalpflege. Es zeigt die Herausforderungen, wie mit Fragmenten historischer Substanz umzugehen ist, welche Kompromisse zwischen Authentizität und zeitgemäßer Nutzung möglich sind und welche Rolle bürgerschaftliches Engagement spielt. Die Entscheidung, den Innenhof rekonstruktiv zu sichern, aber die Nachkriegs-Architekturschicht nicht vollständig zu beseitigen, reflektiert das Bestreben, eine „Schichtungsgeschichte“ sichtbar zu lassen — also die Stadtgeschichte in ihren Etappen.
Kritiker fordern teils eine vollständige Rekonstruktion der Straßenfassade, um die historische Stadtsilhouette wiederherzustellen. Andere warnen vor einer musealen „Fassade ohne Leben“ und plädieren für die Bewahrung der vorhandenen Nachkriegsarchitektur als Dokument der jüngeren Geschichte. Finanzierung, städtebauliche Prioritäten und denkmalpflegerische Prinzipien sind deshalb regelmäßig Gegenstand öffentlicher Debatten.
Besuchertipp
Der Innenhof ist als Teil des Museumsbereichs öffentlich zugänglich. Führungen und Veranstaltungen werden von den Museen der Stadt Nürnberg angeboten. Der Egidienplatz und die unmittelbare Umgebung bieten zudem weitere Sehenswürdigkeiten (z. B. Tucherschloss, Egidienkirche), sodass ein Rundgang durch die östliche Altstadt sich sehr lohnt.
Direkt vor dem Pellerhaus und damit auch direkt vor dem Eingang der Egidienkirche befindet sich ein Denkmal von Kaiser Wilhelm I, der auf einem Pferd reitet. Besucher, die sich das Denkmal genauer ansehen, können noch Beschädigungen feststellen, welche aus Bombardement im Zweiten Weltkrieg stammen.
Bei einem Besuch des Pellerhauses wird auch ein Besuch der direkt danebenliegenden Egidienkirche empfohlen.
